Wie soll chrrp weitergehen?
Was als Aprilscherz begann, hat eine echte Frage aufgeworfen: Wem soll ein soziales Netzwerk gehören? Ich habe keine fertige Antwort. Aber ich habe zwei Richtungen, über die ich ernsthaft nachdenke – und über die wir gemeinsam sprechen müssen.
Richtung A: chrrp als selbsttragendes Social Network
Die Grundidee: Ein soziales Netzwerk das sich selbst trägt – ohne Werbung, ohne Exit-Druck, ohne VC-Backing. Das klingt utopisch. Ist es nicht.
In einer eingetragenen Genossenschaft (eG) gehört die Plattform den Menschen die sie nutzen. Jedes Mitglied hält einen Geschäftsanteil – egal ob Privatperson, Unternehmen oder Investor. Und jedes Mitglied hat genau eine Stimme. 1 Mitglied = 1 Stimme. Das ist gesetzlich verankert, nicht verhandelbar.
Das Finanzierungsmodell wäre radikal transparent:
- Monatliche Mitgliedsbeiträge decken Infrastruktur und Betrieb
- Überschüsse werden demokratisch verteilt: Rücklage, Dividende, Feature-Fonds
- Kein Algorithmus der Aufmerksamkeit monetarisiert
- Kein Investor der nach drei Jahren einen Return erwartet
Unternehmen und Investoren sind ausdrücklich willkommen – als Mitglieder, als Förderer. Aber sie bekommen dieselbe eine Stimme wie alle anderen. Das ist kein Nachteil – es ist ein Versprechen: chrrp wird nicht weggebogen, weil jemand mehr Kapital mitbringt.
Was es zum Tragen braucht: ca. 500 Mitglieder die bereit sind 7–10 € monatlich beizutragen. Das deckt den laufenden Betrieb. April zeigt ob das realistisch ist.
Was chrrp nicht sein soll: ein Verein. Zu unflexibel, zu bürokratisch, kein Ownership-Gefühl für Mitglieder. Und kein Startup mit Exit-Szenario. Kein VC, kein Börsengang, keine Übernahme durch jemanden der Elon heißt.
Referenz: Mastodon hat 2024 mit diesem Modell – als gGmbH mit US-Non-Profit – 2,2 Millionen Euro eingenommen. Der Betrieb lief stabil. Aber: Das deutsche Finanzamt hat Mastodon den Gemeinnützigkeitsstatus ohne Vorwarnung entzogen. Das zeigt das Risiko von Gemeinnützigkeit für Social-Media-Plattformen in Deutschland. chrrp plant den Weg über die eG – belastbarer, ehrlicher, demokratischer.
Richtung B: chrrp als Bildungsidee – FSK 0+
Die radikalere Idee: Was wäre, wenn chrrp nicht nur ein alternatives soziales Netzwerk ist, sondern ein Lernort?
FSK 0+. Für alle. Schulen, Jugendliche, Medienpädagogen – Menschen die verstehen wollen, wie digitale Öffentlichkeit funktioniert wenn sie nicht von Aufmerksamkeitsökonomie getrieben wird. 140 Zeichen. Kein Algorithmus. Keine Dark Patterns. Nur: Was schreibst du? Wem folgst du? Was passiert dann?
Das ist nicht nur pädagogisch interessant – es löst auch das Gemeinnützigkeitsproblem. „Förderung der Medienkompetenz" und „Förderung der Volksbildung durch digitale Infrastruktur" sind anerkannte Zwecke nach § 52 AO. Das öffnet Fördertöpfe die für ein reines Social Network verschlossen bleiben: EU Digital Europe Programme, Bundeszentrale für politische Bildung, Landesmedienanstalten.
Was das bedeutet: Schulen könnten eigene Instanzen betreiben. Universitäten könnten auf der Plattform forschen. chrrp wäre nicht nur eine Plattform, sondern ein Argument – für offene, demokratisch verwaltete digitale Räume.
Die Kernfrage: Ist chrrp ein Produkt oder ein Argument? Wenn es ein Argument ist, hat es einen Bildungsauftrag. Dann ist Gemeinnützigkeit nicht Steuergestaltung, sondern Haltung.
Weitere Einnahmequellen die wir prüfen
| Quelle | Modell | Geschätzt/Mo. | Wann realistisch |
|---|---|---|---|
| Mitgliedsbeiträge | 500 Mitglieder × 7 € | 3.500 € | ab Gründung eG |
| RCS Business Messaging | Opt-in Kanal für Organisationen, 29–99 €/Account | 500–1.000 € | ab Q3 2026 |
| Community-kuratierte Werbung | Nur Mitglieder dürfen werben, GV stimmt ab | 500–800 € | ab Jahr 2 |
| API-Zugang | Forschungslizenzen für Universitäten | 200–500 € | ab Jahr 2 |
| Bildungsförderung / EU-Grants | Nur bei Richtung B (Gemeinnützigkeit) | variabel | langfristig |
Wichtig zu RCS: Railslove hat RCS Business Messaging bereits gebaut (rcs.jetzt / RCS-Box). chrrp wäre eine natürliche Referenzplattform dafür – kein Fremdprodukt, sondern eine Erweiterung der bestehenden Railslove-Infrastruktur. Nutzer entscheiden aktiv ob sie RCS-Nachrichten empfangen wollen. Kein Targeting, kein Tracking.
Wichtig zu Werbung: Der entscheidende Unterschied zur klassischen Plattformwerbung – die Community wählt den Werbenden, nicht umgekehrt. Nur Mitglieder dürfen werben. Die Generalversammlung stimmt jährlich ab wer zugelassen ist. Kein Behavioural Targeting.
Umgang mit ungewolltem Content
Das ist die unangenehmste Frage – und die wichtigste. Jede offene Plattform wird irgendwann mit Inhalten konfrontiert die niemand haben wollte. Spam, Belästigung, Hass. Bei FSK 0+ noch mehr: Inhalte die für Kinder nicht geeignet sind.
Mastodon hat 2024 allein auf zwei Servern 49.419 Meldungen bearbeitet, von denen 25.621 direkt zu einer Account-Sperrung führten – mit vier anonymen Moderatoren zu je 150 € monatlich. Das ist unser Referenzmodell.
Was wir nicht wollen:
- Zentrale Zensur durch Railslove oder den Vorstand
- Intransparente Sperrentscheidungen ohne Begründung
- KI die alleine und ohne Kontrolle entscheidet
- Keine Regeln – das ist keine Option
Was wir anstreben:
- Gemeinschaftsregeln, die von Mitgliedern in der Generalversammlung beschlossen werden
- Transparente Meldeverfahren – jedes Mitglied kann melden
- Gewählter Moderationsrat aus der Community – keine Railslove-Mitarbeiter
- Klarer Eskalationspfad für schwere Fälle
- Sofortige Entfernung und Meldung bei strafrechtlich relevanten Inhalten und Kinderschutz – das ist Pflicht, keine Option
re:publica 2026
Ich plane eine offene Runde auf dem Hof der re:publica – kein Vortrag, kein Panel, keine Bühne. Ein echtes Gespräch: Wie soll chrrp weitergeführt werden? Wer trägt Verantwortung? Was ist eine faire Struktur für alle Beteiligten?
Wenn du dabei sein willst: komm vorbei. Details folgen hier und auf der Plattform unter dem Hashtag #chrrp.
Diese Fragen haben keine schnellen Antworten. Aber sie sind die richtigen Fragen – und ich finde sie ehrlicher als vieles was ich gerade in der Debatte um soziale Medien höre.